Seelenfutter


Beheimatet

Lilian Fankhauser

Meine Welt verschwindet! So dachte ich neulich am Bahnhof Münchenbuchsee. Ich suchte beim BLS-Parkplatz vergeblich den Parkautomaten. Wo ich früher für zwei, drei Franken parkieren konnte, muss ich heute eine «App» herunterladen und eine Tageskarte für sieben Franken lösen. Sie sind am längeren Hebel. Will ich dort parkieren, muss ich mich dem neuen System fügen. In letzter Zeit geht es mir öfters so, dass ich mich fühle wie ein Relikt aus alten Zeiten: Vertraute Geschäfter, Zeitungen, bediente Kassen: sie verschwinden. Und bisweilen mit ihnen auch die Werte, für die sie standen. Nicht einmal auf die Jahreszeiten ist mehr Verlass. Verrückte Zeit, in der wir leben!

Sie bietet aber auch viel zu schmunzeln. So habe ich mir angewöhnt, rasch jemanden anzusprechen, wenn ich nicht weiterkomme. Ich habe noch immer Unterstützung gefunden. Nicht selten kommen so amüsante Gespräche zustande. Und es ist ja nicht so, dass nur wir «Älteren» uns nicht zurecht finden … Neulich war ich für eine Weiterbildung in München und wartete in einem Vorort auf den Zug. Da beobachtete ich eine Gruppe von Jungs, vielleicht elf, zwölf jährig, die versuchten, eine Fahrkarte zu lösen. Sie brachten es nicht zustande. Schliesslich erbarmte sich die Bernerin – ich –  und erklärte ihnen, wie das ging. Beeindruckt sahen sie mir zu und bedankten sich dann – ich hätte sie gerettet, meinten sie. Um sich sofort wieder ihrem Smartphone und Tiktok zu widmen, dies nun meinerseits ein Buch mit sieben Siegeln.

Fühle ich mich fremd in der eigenen Stadt, so schenken gerade diese humorvollen Begegnungen unterwegs mir Heimat. Was haben wir schon vor irgendwelchen seltsamen Automaten gelacht! Ich denke da an jenen Mann, der nach einem vergeblichen Versuch, ein Ticket zu lösen, vor den Automaten hinkniete und meinte, dieser wolle offenbar angebetet werden. Schallendes Gelächter ringsum! Und wo ich schon dabei bin: Nie bin ich so oft angelächelt worden wie letzten Winter hinter der Hygienemaske. Zwar konnte ich nur die Augen sehen, aber alle schenkten mir ein Lächeln, vom Morgen bis zum Abend. Was für eine schöne Erfahrung.

Diese Zugewandtheit beheimatet mich, allen Fremdheitserfahrungen zum Trotz. Einen Augenblick lang kann ich in der Freundlichkeit eines Mitmenschen zuhause sein. Das bleibt, auch wenn die Welt sich wandelt, dass einem schwindlig werden kann. Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Ich jedenfalls freue mich auf all die lustigen Begegnungen, die mich – so hoffe ich – noch erwarten. Ein gescheiter Denker meinte einmal, der Mensch sei des Menschen Feind. Ich sage: Häufig ist er auch des Menschen Freund. Und daran will ich mich halten.

Ihre Lilian Fankhauser

 

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Sommerliche Zaunwinden-Philosophie

Lilian Fankhauser

Ein lauschiger Spaziergang durch den Garten, ein Missgeschick mit Folgen und biblische Chaos-Gedanken.

Ein Sonntag im Frühsommer. Eine Frau schlendert durch ihren Garten und bleibt schliesslich vor den neu angelegten Hochbeeten stehen. War das eine Arbeit! Schichtweise hatte sie das Hochbeet im Frühling gefüllt mit Baumschnitt, Rasensoden, Staudenhäcksel, Kompost und bester Gartenerde, ein ganzes Palett liess sie aus der Gärtnerei kommen. So sollte ihr Gemüse künftig vor Hühnern und Hund geschützt sein. Die Frau inspiziert zufrieden die ersten spriessenden Karotten. Aber was ist das? Was streckt da zwischen den Karottenreihen den Kopf aus der Erde? Stirnrunzelnd bückt sie sich, um das Pflänzchen in Augenschein zu nehmen. Das sieht aus wie – nein, das kann nicht sein. Aber es sieht wirklich aus wie – die Frau gräbt das Pflänzchen ein paar Zentimeter tief aus. Sie erstarrt, erfüllt vom Grauen aller Gärtnerinnen. Und durch das sonntäglich ruhige Quartier dringt ein lautes Neiiiiin!

Sie ahnen es. Die Frau bin ich. Offenbar waren letztes Jahr beim abgelegenen Kompostplatz von der Hecke her Zaunwinden in die kompostierten Rasensoden gewachsen. Was ich, weil abgelegen, nicht merkte. Und deshalb diesen Frühling seelenruhig mit den Rasensoden aus dem Kompost lauter Windenwurzeln in meinen neuen Hochbeeten platzierte.

Ich weiss, dass es auf dieser Welt grössere Probleme gibt als Zaunwinden. Es ist dieses «Es hört einfach nie auf»-Gefühl, das mich bei der Entdeckung der Winden erfüllte, weswegen ich dieses Erlebnis aufschreibe. Der Moment des Erkennens, dass nach langen Mühen etwas doch nicht so herauskommt, wie ich es mir gewünscht hätte. Und ich von vorne anfangen kann. Wie vor Jahren, als ich im Hochsommer ein Prachtsexemplar von Schwarzwäldertorte verzierte. Als ich sie transportieren wollte, rutschten die Tortenschichten seitlich weg und das Resultat stundenlanger Arbeit landete auf dem Fussboden. Seither verzichte ich bei heissem Wetter auf Dekorationen mit Schlagrahm. Und künftig werde ich auch auf den Kompost vom abgelegenen Platz am Rand der Hecke verzichten.

«Es hört einfach nie auf» - kennen auch Sie dieses Gefühl? Dass Sie sich abmühen und doch an kein Ziel kommen? Ich denke da an den Unternehmer in seinem kleinen Baugeschäft, der nach einem arbeitsamen Jahr etwas auf die Seite legen kann – bis sein Geschäftsauto unerwartet einen Motorschaden hat und das finanzielle Polster sogleich wieder weg ist. Oder an die Landwirtin, die Jahr für Jahr zusehen muss, wie der Hagel die Felder häckselt. Gar nicht zu reden von der Weltpolitik und denen, die im Krieg Haus und Bett verlieren oder von einem Dach über dem Kopf nur träumen können.

Nein, es hört nie auf mit den Mühen. Sind die einen fertig, werden sie abgelöst von anderen. Chaos ist der Stoff, aus dem die Welt gemacht ist! Es ist kein Zufall, erschafft Göttin Gott in den Schöpfungsphantasien am Anfang der Bibel die Welt nicht aus dem Nichts, sondern aus dem «Tohuwabohu» heraus, wie es auf Hebräisch heisst, aus «Wüste und Einöde». Das Leben auf unserem Planeten ist immer wieder bedroht und will gehegt und gepflegt sein – auch von uns Menschen, den Mitschöpferinnen und Mitschöpfern Gottes. Auf dass die Erde ein guter Ort zum Leben und Lieben sei. Manchmal sind wir der Mühen überdrüssig oder auch schlicht und einfach müde. Aber «die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten», heisst es im Psalm 126.

In diesem Sinn grabe ich nun fleissig alle Windenranken aus, die in meinen Hochbeeten das Licht der Welt erblicken. Und Ihnen wünsche ich, dass auch Sie diesen Sommer die Kraft für Ihre Mühen jeden Tag wieder neu erhalten.

Ihre Lilian Fankhauser

 

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Neues in unruhiger Zeit

Lilian Fankhauser

Frühlingsputz. Beim Aufräumen auf dem Estrich stosse ich auf Bilder, die früher einmal unser Wohnzimmer zierten. Wobei ich mich frage, ob sie wirklich eine Zierde waren, denn heute würde ich sie nicht mehr aufhängen. Ebenso wenig die Vorhänge, die ich in einer Kiste finde. Verwundert halte ich den dunklen Stoff vor mich hin – das hat mir einmal gefallen? Ja, hat es. Aber ich habe mich offenbar geändert.

Für mich ist das eine gute Nachricht. Ich befinde mich in der statistischen Lebensmitte, und da stellen sich gewisse Fragen. Zum Beispiel, ob ich mich in wichtigen Punkten noch ändern kann. Ich habe gelesen, dass sich der Mensch ab fünfzig nur noch durch Schicksalsschläge ändere. Da habe ich zwar noch ein paar Jahre, fürchte aber, dass an dieser Aussage etwas dran sein könnte.

Das Klima hingegen, das ändert sich vor unseren Augen, nur leider nicht zum Guten. Auch da stellen sich Fragen: Schaffen wir es, da das Ruder noch herumzureissen? Und wie ist es mit siebzigjährigen Tyrannen? Können die sich noch ändern?

«Seht, ich schaffe Neues, schon spriesst es!», verkündete Jesaja im 6. Jahrhundert vor Christus den Kriegsgefangenen in Babylonien. «Erkennt ihr es nicht? Ja, durch die Wüste lege ich einen Weg und Flüsse durch die Einöde.» Jesaja 43,19.

Neues, Gutes, das spriesst - das tönte damals zeitweise genauso utopisch wie heute. Trotzdem will ich mich an dieser Verheissung festhalten. Ich will an die verändernde Kraft des Guten glauben, die einen Weg durch die Einöde der Angst legt. Ich will es suchen, das Hoffnungsvolle, das durch die Wüste der Zerstörung fliesst: Das Grosszügige und Freundliche, das Friedliebende und Einladende, das, was uns hilft, zu vergeben und anderen Raum zu gönnen.

Wir leben in einer unruhigen Zeit. Hinter Alltäglichem wie dem Frühlingsputz auf dem Estrich warten die grossen Fragen. Und von dort ist es nicht weit bis zum Gebet. Bei mir jedenfalls ist es so: sobald ich zu fragen anfange, komme ich ums Beten nicht herum. Deshalb:

Hilf, Gott, hilf uns, das Hoffnungsvolle zu sehen.
Hilf uns, es zu schützen, zu hegen, zu nähren.
Hauch uns an mit deinem Leben schaffenden Atem!
Lass wachsen das Neue im Kreml, im Weissen Haus, in Peking wie auch in uns.

Schenk Ostern unseren Karfreitagen nah und fern
und hilf uns zu helfen.

Kyrie eleison.

Amen

 

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Martha-Altar, St. Lorenz Kapelle, Nürnberg, www.nuernberg-museum.de

Drachenzähmen

Lilian Fankhauser

Panzer, Grossmachtsphantasien, Diplomatie am Anschlag. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber mich beunruhigt die Schamlosigkeit der Kriegstreibenden an den Grenzen der Ukraine. Mit ungutem Gefühl erinnern sie mich an den Vorabend des zweiten Irakkrieges. Zwei Bilder in Grossformat prangten damals auf den Titelseiten der Zeitungen: Auf dem einen Saddam Hussein kniend auf einem Gebetsteppich, auf dem anderen Goerge W. Bush mit gefalteten Händen. Beide beteten sie für den Sieg. Ich hoffe, die heutigen Akteure auf der Weltbühne finden einen friedlicheren Weg, diesen Konflikt auszutragen, als die beiden damals.

Was wohl herausgekommen wäre, wenn die beiden Machthaber damals um Frieden und nicht um Sieg gebetet hätten? Denn Sieg und Frieden sind nicht dasselbe. Sieg gebiert Unterlegene und Unterlegene suchen Rache. Da lobe ich mir Martha, die Drachenzähmerin. Kennen Sie sie?

Aus der Alten Kirche stammen die Legenden von zwei Heiligen, die gegen einen Drachen antreten: Georg, der Drachentöter, und Martha, die Drachenzähmerin. Beide stehen vor der Aufgabe, eine Stadt, beziehungsweise ein Dorf, vor einem Drachen zu beschützen. Beiden gelingt dies, jedoch auf unterschiedliche Weise. Während Georg seinen Drachen tötet, zähmt Martha ihren mit Gesang.

Ich weiss. So einfach ist das mit dem Zähmen nicht immer. Was, wenn der Drache sein Unwesen treibt – ja: vielleicht sogar Gräueltaten vollbringt! – und alles Singen nichts nützt? Im Nazideutschland wurden selbst überzeugte Pazifisten zu Attentätern Hitlers. Und in meinen Konflikten verspüre auch ich recht schnell einmal den Wunsch, dass meinen Drachen der Garaus gemacht würde ...

Trotzdem will ich mir die Heilige Martha von Bethanien zum Vorbild nehmen. Drachenzähmen mag vordergründig der schwierigere Weg sein. Langfristig ist es der friedvollere. Der Wunsch, den Drachen zu töten, kommt mit zunehmender Konflikteskalation von selber. In den Gesichtern unserer Gegenüber im Streit nicht das Böse, sondern das Menschliche zu sehen, das ist die Kunst. Ich glaube, dafür zu beten macht Sinn.  

Ihre Lilian Fankhauser

 

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Eins ist notwendig

Hans Børli

Eins ist notwendig – hier
in dieser unserer komplizierten Welt
von Obdachlosen und Heimatlosen:

In sich selbst Wohnung beziehen

Geh hinein ins Dunkel
und putze den Russ von der Lampe.

Damit Menschen auf der Strasse
Licht schimmern sehen
in deinen bewohnten Augen.

 

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Welchem Stern folgt ihr?

Ruth Erne, Creatraum

Machtbesitzer
Verantwortungsträgerinnen
Führungskräfte

schaut hin

Ja, auch
an eure Angestellten
an eure Wählerinnen
an eure Aktionäre
aber
vor allem an euch die Frage:
Welchem Stern folgt ihr?

Die drei Weisen und Gebildeten
damals
knieten hin vor dem Kind.

Wem bringt ihr
Gold, Weihrauch und Myrrhe?

Schaut hin!

Trümmer müsst ihr zusammenkehren
und dafür geradestehen.
Aber, ihr könnt auch
Berge versetzen und die Welt verändern
Menschen zum Lachen bringen
und für sie die Sterne vom Himmel holen.

Ihr seid angesprochen,
denn an Weihnachten
waren auch Könige im Stall
und die knieten sich hin.

 

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Weil wir es uns wert sind.

Lilian Fankhauser

Es regt sich Widerstand. Nicht vor dem Bundeshaus – in mir. Ich lasse mir mein Land durch diesen Virus nicht spalten! Ich mache da nicht mehr mit.

Egal, ob dreifach, doppelt, einfach oder gar nicht geimpft: Wir gehören doch zusammen! Sind Bürger*innen dieses Landes. Leben miteinander am Rand des Seelandes, hocken unter einer Nebeldecke, gehen seit Jahren in denselben Verein oder leben Gartenhag an Gartenhag. Da kann doch so ein kleines Kügelchen, kleiner als ein Mikrometer, nicht alles kaputtmachen! Nein, kann es nicht. Da gibt es viel mehr, was uns zusammenhält:

Da ist zum einen die Freundlichkeit. In Zeiten, in denen Auseinandersetzungen unsere Zuneigung zueinander abkühlen lässt, trägt Freundlichkeit uns durch. Sie rettet unsere Beziehung, bis wieder Tauwetter angesagt ist.  

Dann ist da der gute Wille. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, pflegen wir zu sagen. Also werden sich doch Wege finden, Gemeinsames zu pflegen! Ich denke da an Autolottos und Freiluftsingen. Bei aller Dezemberkälte herrscht da eine ganz eigene Wärme. In Zeiten hoher Belastung ist doppelt wichtig, miteinander zu pflegen, was guttut.

Und schliesslich gibt es andere Themen als Corona, über die wir sprechen können. Die Meinungen sind längst gemacht, was soll da das streiten über etwas, was wir im Moment sowieso nicht ändern können.  

Einigkeit ist das Praliné zum Dessert. Das Hauptgericht heisst Zusammenleben in Verschiedenheit. Der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun meinte neulich in einem Bund-Interview: «Geboren in den Bombennächten von Hamburg 1944, wurde mir der Name Friedemann zuteil, und da steckt schon ein Lebensthema drin. Ich jedenfalls musste erst lernen, dass Frieden kein Urzustand ist, sondern eine Errungenschaft. Echte Harmonie beginnt da, wo Unterschiede willkommen sind und wo die Wahrheit zu zweit beginnt. Wo es Auseinandersetzungen und Streit gibt. Der Frieden ist dann eine Erntefrucht davon.»

Lassen wir einander sein, wie wir sind. Aber gehen wir weiterhin miteinander spazieren, schicken einander einen Weihnachtsgruss oder laden einander zum Outdoorfondue ein! Weil wir es uns wert sind. Es kommen auch wieder andere Zeiten.

Ihre Lilian Fankhauser

 

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Ehe für alle – eine persönliche Auslegeordnung

Lilian Fankhauser

Nein, die Kirchen müssen nicht überall ihren Senf dazu geben. Aber bei der Frage der Ehe für alle geht es – nicht nur, aber auch – um die Bewertung geschlechtlicher Orientierung und für diese wird nicht selten die Bibel herbeigezogen. Deshalb möchte ich Ihnen erzählen, welchen Werdegang ich in dieser Frage gemacht habe.

Homosexualität begegnete ich als Teenager als erstes in den Schimpfwörtern auf dem Pausenplatz: «Schwüpple», «Homo» und «Schwul». Zwei Jungs, etwas älter als ich, entsprachen nicht den gängigen Geschlechtertypen. Der eine sprach relativ selbstbewusst über seine geschlechtliche Orientierung. Der andere versuchte tunlichst, nicht aufzufallen. Das erste Mädchen in meinem Umfeld, das offen zu ihrem Lesbischsein stand, war die Schwester einer Kollegin. Ich selber bewegte mich als Teenager in evangelikalen Kreisen, wo Homosexualität, zumindest damals, als Sünde bewertet wurde. Denn an den wenigen Stellen, wo in der Bibel über männliche Homosexualität gesprochen wird, wird diese klar verurteilt (z.B. Röm 1). Das vertrat ich, unhinterfragt, auch gegen aussen.

Später begann ich, biblische Texte auch als Zeugen ihrer Zeit zu lesen. Die Ablehnung von Homosexualität gehörte zum patriarchalen Weltbild des Alten Orients. Die Verfasser von Levitikus 20, die Homosexualität verurteilten, waren davon geprägt. Und wenn sie schreiben, dass Mann und Frau sterben sollen, wenn sie während ihrer Monatsregel miteinander schlafen, dann ist das einem antiken Verständnis von Blut geschuldet, das wir heute so nicht mehr teilen.

Nicht alle biblischen Aussagen sind gleich gewichtig, manchen ist auch zu widersprechen – gerade wegen der Treue zur Bibel. Ich verstehe, dass klare Regeln überlebenswichtig waren in einer Welt, in der Hirt*innen im Verbund einer Grossfamilie auf kleinem Raum zusammenlebten. Als Vertreter seiner Zeit sehe ich es Paulus auch nach, dass er von Frauen verlangte zu schweigen und ihr Haar hochzubinden. So gehörte es sich zu seiner Zeit. Heute wissen wir: Frauenrecht ist Menschenrecht.

Daneben ist Homosexualität in der Bibel ein Randthema, über weibliche Homosexualität wird gar nicht gesprochen und aus den Schöpfungsdichtungen am Anfang der Bibel lässt sich kein Verbot von Homosexualität konstruieren. Eheformen gibt es viele verschiedene: die Einehe zwischen Mann und Frau, auch mit Nebenfrauen; die Mehrehe mit zwei oder noch mehr Frauen und die sogenannte Leviratsehe, bei der ein Mann die kinderlose Witwe seines Bruders heiratet. Jesus lehnte die Ehescheidung zum Schutz der Frau ab, war aber selber nicht verheiratet und zeichnete sich auch nicht durch besonders familienfreundliche Voten aus. Familie war ihm, wer den Willen Gottes tue (Mk 3,35). Der Verfasser des Epheserbriefes mahnte Eheleute, sich die Liebe von Christus als Vorbild zu nehmen.

Und damit bin ich bei dem angelangt, was die Bibel im Kern über Liebesbeziehungen aussagt: Dass wir einander mit Gottes Augen betrachten und zuerst das Wohl des Gegenübers suchen sollen.

Das der biblische Befund. Diesen zu gewichten ist Angelegenheit jeder und jedes einzelnen. Ich selber sage heute: Eine Liebesbeziehung auf Augenhöhe, gleich welcher geschlechtlichen Orientierung, ist eine Spielart der Schöpfung. Meine Grenze der Akzeptanz sexueller Beziehungen – und übrigens auch die Grenze unseres Strafrechtes – liegt dort, wo ein Machtgefälle herrscht und Mensch oder Tier ausgenutzt werden. Daneben gilt für mich für gleichgeschlechtliche Paare wie auch für jede andere Beziehung auf Augenhöhe: «Das ist mein Gebot: Dass ihr einander liebt, wie ich euch geliebt habe.» (Jesus, Joh 15,12). Homosexuellenrechte sind Menschenrecht.

Deshalb bin ich für gleiche Rechte und Pflichten für homosexuelle wie heterosexuelle Paare. Das betrifft auch das Adoptionsrecht und den Zugang zur Samenspende. Wenn Kinder gleichgeschlechtlicher Paare leiden, dann unter Vorurteilen von aussen. Sie selber brauchen vor allem vertrauenswürdige und liebevolle Bezugspersonen, und das können homosexuelle Eltern genauso sein wie heterosexuelle.

Ich werde Ja stimmen. Und sobald ich darf, werde ich mit Freude homosexuelle Paare trauen. 

Ihre Lilian Fankhauser

 

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Thermostat sein

Lilian Fankhauser

Ein Satz des Apostels Paulus, ein bildhafter Vergleich der holländischen Christin Corrie ten Boom und ein Wunsch zum Bettag.

Vor Jahren in einem Kloster erzählte eine Ordensfrau aus ihrem Alltag. Gefragt, ob es ihr bei den immer wieder gleichen Bibeltexten nicht langweilig werde, meinte sie: «Nein, die Texte mögen jedes Jahr dieselben sein, ich aber nicht. Ich verändere mich, und jedes Mal spricht mich wieder etwas anderes an.» Auch mich sprach diesen Sommer ein altbekannter Bibelvers neu an, mitten in Coronamüdigkeit und Klimaverzweiflung:

«Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.» Römerbrief 12,12.

Ob auch Sie diesen Satz kennen?

Paulus schrieb ihn Ende der fünfziger Jahre des ersten Jahrhunderts nach Christus in einem Brief an die christliche Gemeinschaft in Rom. Er war damals in Gefangenschaft. In Caesarea an der palästinischen Mittelmeerküste war er als «Unruhestifter» fest- und in Haft genommen worden. Im römischen Reich galt der Kaiserkult, der römische Kaiser wurde verehrt wie eine Gottheit. Wie ihre jüdischen Geschwister versuchten auch Christ*innen, dies zu vermeiden. Was zwangsläufig immer wieder zu Aufruhr führte, und, wie in Paulus’ Fall, zur Festnahme. Paulus wurde im Jahr 58 zu weiterer Abklärung nach Rom deportiert. Dort verlieren sich seine Spuren.

Paulus spricht vom «Bösen» - ein starkes Wort. Böses ist Abwesenheit von Gutem, ist zerstörerisch allein zum Zweck der Zerstörung. Ja, es gibt Böses, schier unerträglich Schlimmes, das Menschen einander antun. Ich selbst komme jedoch zum Glück in meinem Alltag selten in die Situation, etwas als «böse» benennen zu müssen. Ich würde wohl eher von «Schwierigem» sprechen. Ich denke da an das ungute Gefühl, das mich beschleicht, wenn ich rechtsradikale Parolen höre, von irgendwelchen wirren Verschwörungstheorien lese oder Stimmungsmacher*innen unsere Demokratie als Diktatur verunglimpfen höre. Ein lähmendes Gefühl der Verzweiflung sitzt mir im Nacken angesichts der Ertrunkenen im Mittelmeer oder der Klimaveränderung und unserer politischen Unfähigkeit, darauf zu reagieren. Und dazu kommen alltägliche Widrigkeiten, wie sie alle auf irgendeine oder andere Art kennen – Zänkereien mit den Kindern, Herausforderungen in der Arbeit. Manchmal lastet all das mir auf der Seele. Oder, wie eine Weggefährtin es neulich formulierte, «drückt im Hintergrund die Stimmung». Und dann braucht es nicht viel, dass ich kippe...

Was Paulus in seiner Gefangenschaft erlebt haben muss? Oder die holländische Christin Corrie ten Boom: Ende des 19. Jahrhunderts geboren, half sie während des 2. Weltkriegs in Holland, Menschen jüdischen Glaubens zu verstecken. Sie kam dann selber ins KZ, überlebte, musste aber mit ansehen, wie ihre Schwester zu Tode gefoltert wurde. Sie schreibt – und das berührt, beschämt und motiviert mich genau so wie Paulus’ Worte:

Manchmal bin ich ein Thermometer – bei all der Not um mich her „falle“ ich.
Aber wir müssen Thermostate sein, nicht Thermometer.
Ein Thermostat spürt die Kälte und ersetzt sofort die fehlende Wärme, indem er das Zimmer mit dem Ofen in Verbindung bringt.
Das ist es, was wir tun müssen.

Wo immer es geht, Teil der Veränderung hin zu einer Kinder- und Enkel tauglichen Welt werden, dem Schwierigen zum Trotz. Ein bisschen weniger Thermometer und ein bisschen mehr Thermostat sein. Dafür bete ich am Bettag - und wünsche das auch Ihnen in Ihren Herausforderungen!

Ihre Lilian Fankhauser

 

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Von Splittern und Balken

Lilian Fankhauser

Göttin Gott scheint Humor zu haben. Ich zum Glück auch. So gibt es immer wieder etwas zu lachen.

Neulich liess ich mich in einer trauten Runde darüber aus, wie wenig Verständnis ich für Leute hätte, die ihr Stimmrecht nicht nutzten. Nicht ahnend, dass gerade eine Frau neben mir sass, die ihr Abstimmungscouvert jeweils ihrem Partner zum Ausfüllen gab. Meine Kritik wäre sonst etwas zurückhaltender ausgefallen... Ich bin da relativ ungnädig. Wer das Stimmrecht nicht nutzt, soll sich auch nicht über Politik beschweren.

Am Abend vor dem letzten Abstimmungssonntag dann fand ich in der Küche das jungfräuliche Abstimmungsmaterial meines Mannes. Ts, ts, ts, dachte ich. Unterbrach ungerührt die Übertragung des Fussballmatchs und hielt sie ihm unter die Nase. Einen weiteren säumigen Sünder gerettet! Nur: Am Montag nach dem Abstimmungssonntag fand auch mein Mann in der Küche ein Couvert – das mit meinem Stimmmaterial. Fertig ausgefüllt hatte es da seit Wochen darauf gewartet, zusammen mit dem meines Mannes zur Gemeindeverwaltung gebracht zu werden. Was ich leider in der Zwischenzeit bereits wieder vergessen hatte. Verdutzt betrachtete ich das Papier in seiner Hand, bis das Zwänzgi fiel und wir lachten, bis uns die Bäuche weh taten.

So geht es denen, die den Splitter im Auge der anderen sehen, den Balken im eigenen jedoch nicht. Gar nicht zu reden von den Malen, an denen ich mein Stimmmaterial unfrankiert in den Briefkasten der Post anstatt in jenen der Gemeinde einwarf. Was standen die beiden auch so eng nebeneinander! Seit die Postagentur von der Gemeindeverwaltung zur Bäckerei gewandert ist, kann das zum Glück nicht mehr passieren...

Ich denke an eine Stelle in einem Reisebericht von Navid Kermani. In Bergkarabach passierte er die Grenze zwischen Aserbaidschan und Armenien. Kurz zuvor hatte es einen Schusswechsel gegeben. In Aserbaidschan erzählte man ihm, sie hätten das Feuer nur erwidert, die anderen hätten es eröffnet. In Armenien war es dann gerade andersrum. Das war vor sechs Jahren. Letztes Jahr gab es dort wieder Krieg. Wir zeigen so gerne mit dem Finger auf andere, dass es irgendwo in unseren Chromosomen ein «Die-anderen-sind-schuld-Gen» geben muss. Ich vermute schwer, dass es Gott da zuweilen nicht mehr nur zu lachen, sondern auch zu weinen zumute sein muss. In der Küche aber wird auch Gott geschmunzelt haben. Als ich das Stimmcouvert später zum Altpapier legte, nahm ich mir vor, die Woche etwas selbstkritischer und bescheidener anzugehen. Jedenfalls bis zum nächsten Tag. Oder zumindest bis zum Mittagessen...

Einen wenn nicht Splitter und Balken freien, so doch humorvollen Monat wünscht Ihnen

Ihre Lilian Fankhauser

 

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Erica Zimmermann spielt die Sonatine "Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit" von J. S. Bach

 

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Für meine drei töchter

Dorothee Sölle

Bitte lasst eure zimmer nicht verkommen

Wenn eure zimmer hässlich sind
werdet ihr euch selber nicht lieb und wert halten
wenn ihr euch selber nicht ehrt
werden eure Gedanken ohne spannkraft sein
wenn eure gedanken nichts anziehen,
werden eure bewegungen ungenau
wenn eure bewegungen fahrig sind,
wird eure haut nichts von den blumen lernen


Wenn eure haut nichts von den blumen lernt,
wird euer herz wüst und leer sein
wenn euer herz gleichgültig ist,
bleibt ihr unvertraut mit dem schönen
wenn ihr ohne Vertrauen lebt,
könnt ihr die hälfte des himmels nicht tragen
wenn ihr die hälfte des himmels nicht tragt,
könnt ihr über eure alte mutter nicht lachen

Bitte lasst eure zimmer nicht verkommen.

Dorothee Sölle
In: Dies., Verrückt nach Licht, Kleinmachnow 20033, S. 51.

 

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Ach Jerusalem

Carola Moosbach

Besetzt zerstört wieder aufgebaut
umkämpft zerrissen blutend
aus allen Poren die Steine schreien
zum Himmel wollten doch Heimat
bleiben für Gott aber wie
soll das möglich sein ein Platz
zum Beten für alle Gott sichtbar
im Lächeln der Kinder keine Feinde mehr
keine Schüsse und Bomben kein Hass
auf allen Seiten und Blut an den Händen
wann wirst Du Dich zeigen Gott
im Frieden?

Aus: Dies., Himmelsspuren. Gebete durch Jahr und Tag, Neukirchen-Vluyn 2001, S. 113.

 

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Zweifel und Liebe

Lilian Fankhauser

«Mir sinis überhoupt nid einig. Sobald mir über Corona aföh rede, gits grad es Gstürm...» Kommt Ihnen das bekannt vor? Mir schon. Die Frau, die mir das erzählte, ist nicht allein mit dieser Erfahrung. Covid 19 stellt Freundschaften und Familien zum Teil arg auf die Probe, auch jetzt noch, wo uns etwas unbeschwertere Zeiten in Aussicht stehen. Wo eine sich ungerecht behandelt fühlt, einer sein Recht beschnitten sieht, kommt Emotion ins Spiel. Wo Emotion ins Spiel kommt, da geht es nicht zuerst darum zu verstehen, da will man selber verstanden werden. Und je weniger das eigene Anliegen Gehör findet, desto lauter wird es vertreten. Manchmal komme ich mir vor wie in einer schlechten Arena-Sendung, wo Gespräche keine Begegnungen sind, sondern zu einem Ringkampf verkommen. Dabei ist das Thema derart komplex, dass es «die eine gute Lösung» so wohl gar nicht gibt...

Keine Angst, ich schreibe diese Zeilen hier nicht, um Sie mit einer weiteren überflüssigen Meinung zu Corona zu behelligen. Nein, ich bin auf einen Text von Jehuda Amichai gestossen, den ich Ihnen in diesem Zusammenhang mitgeben möchte. Mich berührt er – Sie ja vielleicht auch:

Der Ort an dem wir recht haben

An dem Ort, an dem wir recht haben,
werden niemals Blumen wachsen
im Frühjahr.

Der Ort, an dem wir recht haben,
ist zertrampelt und hart
wie ein Hof.

Zweifel und Liebe aber
lockern die Welt auf
wie ein Maulwurf, wie ein Pflug.
Und ein Flüstern wird hörbar
an dem Ort, wo das Haus stand,
das zerstört wurde.

Jehuda Amichai (1924-2000) war ein israelischer Dichter, der sich für Frieden und Verständigung im Nahen Osten engagierte. Er wusste, wovon er sprach. Er kannte Boden, der vom Rechthaben hart und zertrampelt war. Wenn er schreibt, dass Zweifel und Liebe es sind, die den Boden auflockern, mag das für rationale Ohren schwülstig klingen. Wahr ist es trotzdem.

Ich wünsche Ihnen und mir für unsere Auseinandersetzungen deshalb Zweifel: die Ahnung, dass auch andere einen Teil der Wahrheit sehen könnten. Und ich wünsche uns Liebe: wohlwollende Augen für unser Gegenüber und die Fähigkeit, nicht nur unser, sondern auch sein Bestes zu wollen.

Mögen Ihre und meine Konflikte nicht nur mühsam und Kräfte raubend sein,
sondern uns auch weiterbringen.  

Ihre Lilian Fankhauser

 

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»Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten:
›Sie haben sich gar nicht verändert.‹ ›Oh!‹ sagte Herr K. und erbleichte.«.

Bertolt Brecht

 

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Steine aus dem Berninabach

Lilian Fankhauser

«Wüst und leer». Bereits das dritte Mal verbrachte ich mit meiner Familie die Ferien auf dem Camping Morteratsch bei Pontresina. Und jedes Mal, wenn ich auf dem Uferweg des Berninabaches spazieren ging, kam in mir dieses Gefühl auf. So sehr es mir der wildromantische Campingplatz angetan hatte – das breite, ausgewaschene Bachbett unterhalb des Platzes befremdete mich mit seiner Wildheit. Mäandernd bahnte sich der Berninabach seinen Weg. Ein stummer Zeuge der zerstörerischen Kraft des Wassers. Naturgewalt. Kein einziges Mal war ich in den vergangenen Jahren zum Flussbett hinuntergegangen.

Diesen Sommer hingegen plante ich mit meinen Kindern einen Ausflug dahin. Das Wetter war zu wechselhaft, um eine grössere Wanderung zu machen. Da kam das Bachbett für einmal wie gerufen. Wir suchten uns also einen Weg durch die Steine den Hang hinunter, mal auf den Füssen, mal auf dem Hosenboden.

Schon nach den ersten Metern konnte ich kaum fassen, was ich sah: ein Stein schöner als der andere. Rötlich, grünlich, weiss, grau, braun. Gefleckt, marmoriert, glitzernd. Gross, klein, oval, eckig. Jeder Stein ein kleines Wunderwerk. Und die Pflanzen erst – Hauswurz, Flechten... Ich konnte mich nicht sattsehen. Wie oft schon war ich den Uferweg entlang gegangen und hatte all das nicht bemerkt! Und nicht nur das – Jahr für Jahr riss die Wasserschmelze die Steine wieder weg und schwemmte andere heran. Und trotzdem in all dieser Veränderung diese verschwenderische Schönheit.

Aus der Naturgewalt, deren Anblick mich aus der Ferne schaudern liess, wurde ein Naturwunder. Und wie ein Echo aus alter Zeit dachte ich an Hiobs Worte: «Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen. Gelobt sei der Name des Herrn.» (Hiob 1,21) Alles hat Hiob verloren, da wirft er sich in seiner Trauer zu Boden und spricht diesen Satz. Wie oft hatte ich diese biblischen Worte gelesen und mich gefragt, wie Hiob so mir nichts, dir nichts – ja: devot! – sein Unglück hinnehmen kann. Aber als ich da inmitten all dieser Steine sass, die Sonne auf dem Rücken, das Rauschen des Wassers im Ohr, kam auch in mir ein Ja auf. Ein Ja dazu, dass es gut ist, wie es ist. Dass ich in diesem Kommen und Gehen aufgehoben bin. Und dass Schönheit auch in dem zu finden ist, was das Leben mir anschwemmt.

Und Ihnen.

Gott segne unser Kommen und Gehen, unser Leben und Sterben von nun an bis in Ewigkeit. Amen

Ihre Lilian Fankhauser

 

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Erica Zimmermann spielt eine Choralbearbeitung von Bach (BWV 622)

 

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Steine ufem Wäg

Lilian Fankhauser

 

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Erica Zimmermann spielt "Was Gott tut, das ist wohlgetan" von Johann Ludwig Krebs

 

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Friede boue

Lilian Fankhauser

 

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Erica Zimmermann spielt das tschechische Stück "Biegniki"

 

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Es steinigs Chopfchüssi

Lilian Fankhauser

 

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Erica Zimmermann spielt "Elevazione" von Domenico Zipoli

 

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«Du stellst meine Füsse auf weiten Raum»

Das MISEREOR-Hungertuch 2021 von Lilian Moreno Sánchez.

Kurzbeschrieb zum Bild und dessen Entstehung
Kurzfilm zur Entstehung des Hungertuchs

Gott
Nichts ist mehr bedeutungslos,
seit du Mensch geworden bist,
nicht die Angst der Menschen,
nicht das Brot der Menschen,
nicht die Sicherheit der Menschen,
nicht, ob Krieg ist oder Frieden,
nicht, ob einer gefoltert wird oder frei lebt,
nicht, ob eine weint oder glücklich ist.

Lehre uns schätzen, was du schätzt:
Das Brot, den Frieden, die Freiheit, die Wärme, unser Wasser,
die Reinheit unserer Herzen und unsere Kraft für das Leben.

Lehre uns, was wir am meisten brauchen:
Die Achtung vor unserer eigenen Würde,
dass wir unsere Kraft schätzen und sie nicht vertun,
dass wir keinen Schmerz verachten,
auch unseren eigenen nicht,
dass wir uns selber nicht verraten,
indem wir anderen das Leben nehmen.

Lenke unsere Wünsche,
dass sie auf das Leben gehen
und nicht auf den Tod.

Gott

Lass dich nicht vertreiben durch unseren Verrat.
Bleibe bei uns im Leben und im Sterben.

Nach einem Gebet von Dorothee Sölle


Saisonale Gartengrippe

Von Lilian Fankhauser

Es ist zu früh, ich weiss. Aber das warme Wetter zieht mich in den Garten, und ich erliege wie jedes Jahr der saisonalen Gartengrippe. Sie geht einher mit einer Trübung der Vernunft und einem Hang zu mehr Wollen als Können, was Gartenprojekte angeht. Im November noch nahm ich die Gartenpause dankbar entgegen und jeder Raureif schien mir zuzuflüstern, ich dürfe – ja, müsse! – den Garten ruhen lassen. Nun runzle ich allmorgendlich die Stirn angesichts der silberweissen Spuren nächtlicher Kälte auf dem Rasen. Natürlich ist es erst anfangs März und dafür schon viel zu heiss. Aber im Gartenfieber wird es im Frühling nie schnell genug warm, genauso wie der Garten nicht gross genug sein kann, wohingegen er im Hochsommer dann immer zu gross ist. Zur saisonalen Gartengrippe gehört, das zu wissen, es aber zu ignorieren.  

Ich habe diese Fähigkeit zum Verdrängen auch in anderen Bereichen. Bei Schokolade zum Beispiel. Und auch, wenn es ganz allgemein um Materielles geht. Mit zwanzig versprach ich mir, nie Sklavin meines Lebensstandards zu sein. Erstaunlich, was bis vierzig dann trotzdem alles an Gütern bei mir einzog. Und mit den Gütern die Angst, sie zu verlieren. Auch Wohlstand trübt die Sinne. Egal wieviel ich habe, es scheint immer zu wenig zu sein. Dabei macht ab einem gewissen Lebensstandard mehr nicht glücklicher. Um es mit Schokolade zu vergleichen: Das erste Stück Schokolade ist köstlich, doch bereits das zweite schmeckt nicht annähernd mehr so gut. Abnehmender Grenznutzen heisst das in der Volkswirtschaft. Oder mit Jesus von Nazareth gesprochen: Überfluss macht nicht zufrieden, sondern hartherzig und verstellt den Blick auf Wesentliches. In der Bergpredigt im Matthäusevangelium, Kapitel 6,19-24,lesen wir, wie er uns über die Zeiten hinweg zuruft: Sammelt euch nicht Schätze auf Erden (...). Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost sie zerfressen, wo keine Diebe einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. (...) Du kannst nicht Gott dienen und dem Mammon.

Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz... In meinem Herzen sind aktuell noch die Worte von einem eritreischen Flüchtling. Die Pandemie hat ihn als Hilfsarbeiter mit Niedriglohnerwerb hart getroffen. Zumal ihm nebst seiner Familie hier auch noch das Wohl seiner Grossmutter in Somalia am Herzen liegt. Es tue mir leid, wie es ihm und seiner Familie gehe, sagte ich neulich zu ihm. «Nein!», reagierte er bestimmt, «Ich gut! Andere schlechter. Ich habe Wohnung, ich habe warm.» Ich habe eine Wohnung, ich habe warm, ich habe eine wunderbare Familie, einen sinnvollen Beruf, bin sozial abgesichert und einigermassen gesund. Und trotzdem immer wieder unzufrieden, weil ich mit dem liebäugle, was ich nicht habe, anstatt das zu geniessen, was da ist.

Der Garten zum Beispiel. Der ist traumhaft. Wenigstens im Frühling. Ab dem Hochsommer ist es dann vor allem ein wunderbarer Garten für Schnecken, Ackerdisteln und Brombeerranken, weil ich nirgends mehr nachkomme mit Jäten. Aber auch das ist, wenn nicht für meinen Ordnungssinn, so doch zumindest für die Biodiversität gut. Und was mein Herz angeht, so tut ihm das Wühlen in der Erde unbestritten gut. Es wird ruhig. Es spürt sich. Es kann staunen, was trotz Jätrückstand alles geerntet werden kann. Und es lernt im Wechsel von Wetter und Jahreszeit das Vertrauen in die Kraft, die Wachsen und Verblühen in der Hand hält.

Ihre Lilian Fankhauser

 

* * *

 


Für meine Tochter

Andrea Nagel-Drdla

Der heilige Ort in dir,
wo der Baum der Liebe
und der Baum des Friedens wachsen,
unter denen du dich zur Ruhe legst
und dich in Geborgenheit bettest,
ist unantastbar.
Er bleibt deine Zuflucht auf ewig.

Bedränge dich einer,
verspotte dich eine,
beraube dich einer,
verachte dich eine,
du wirst nicht verwüstet noch zerstört.

Der heilige Ort in dir ist unantastbar.
Er bleibt deine Zuflucht auf ewig.

Aus: Angela Büchel Sladkovic (Hg.), Freundin des Lebens - Frauengebete. Freiburg i.Ü 2016, 83.

 

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Der Frosch

Indianische Weisheit

Der Frosch trinkt den Teich nicht aus,
in dem er lebt.

 

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Luft nach oben

Lilian Fankhauser

Ruhig sind sie, diese Tage bei Fankhausers. Die Kinder spielen von morgens bis abends, mein Mann und ich pendeln zwischen Büro und Küche. Jeden Tag etwas frische Luft und, ebenso häppchenweise, ein Spaziergang mit einer Gotte oder ein Besuch vom Grosi. Das Beste daraus machen, war mein Motto für die Festtage. Und tatsächlich – ich werde mich gerne an diese Tage erinnern. Zwar war es seit über zehn Jahren der erste Heiligabend ohne Heiligabendtisch und die erste Weihnacht meines Lebens ohne meine Geschwister und deren Familie. Es war anders und in diese Andersartigkeit wob sich etwas Wehmut. Aber es war auch gut.  Besonders genossen habe ich dieses Jahr die Weihnachtsfigurendarstellung und die Gottesdienste in der Kirche. Die Schönheit der Figurenbilder, die wärmende Geborgenheit des Kirchenraumes und die wunderbaren Weihnachtsklänge der Musizierenden nährten meine Seele. Was für ein Geschenk, mitten im Dorf einen Raum zu haben, in dem die Hoffnung wohnen darf. Und diese Kraft lebt und wirkt auch dann, wenn wir weit auseinander sitzen und die Lieder nur summen dürfen. Sehen, was möglich ist, nicht klammern an das, was nicht sein kann.

Der Jahreswechsel steht vor der Tür. Bereits sind erste Silvesterraketen zu hören, Klänge vertrauter Normalität. Ebenfalls wie jedes Jahr begleitet mich der Vers der Jahreslosung ins 2021. Ursprünglich wurde der Jahresbibelvers ausgelost, daher der Name. Heute wird er von einer Gruppe deutscher Frauen und Männer aus verschiedenen Kirchen ausgewählt. Die Gruppe kleinepropheten.de hat Karten dazu gestaltet. Unaufgeregt und leise wie die Tage meiner Altjahreswoche liegt eine davon auf meinem Schreibtisch. Seid barmherzig, wie Gott – euch Vater und Mutter im Himmel – barmherzig ist. Lukasevangelium 6,36

Es ist ein Vers aus der sogenannten Feldrede im Lukasevangelium. Die Feldrede ist das Pendent zur Bergpredigt im Matthäusevangelium, nur etwas kürzer und Reichtums kritischer. Im Zentrum der Feldrede steht die Feindesliebe. Mit ihr weitet Jesus das Liebesgebot der Tora auf alle Menschen aus, die uns begegnen, auch auf alle diejenigen, die nicht zu unseren Freund*innen zählen. Auch mit ihnen sollen wir umgehen, wie wir möchten, dass sie mit uns umgehen. Auch mit ihnen sollen wir barmherzig sein. Etwas weiter im Text unterstreicht Lukas die Wichtigkeit dieser Aufforderung mit dem jesuanischen Satz: Was nennt ihr mich Herr, Herr! und tut nicht, was ich sage?

Es gibt Bibelverse, die sind schwer zu verstehen. Die Jahreslosung gehört nicht dazu. Das Wort «Barmherzig» ist eine althochdeutsche Wortschöpfung für das lateinische «Misericors» aus der Kirchensprache und bedeutet soviel wie «Ein Herz für Bedürftige haben». Wir sollen also ein Herz für Bedürftige haben, wie auch Gott ein Herz für unsere Bedürftigkeit hat. Das ist nicht weiter kompliziert.

Diesen Satz umzusetzen, das ist die Schwierigkeit. So unaufgeregt, wie er tönt, so unerhört ist er. Am leichtesten fällt es mir in den Ferien, spontan und offen auf andere einzugehen, sie in ihrer Stärke und ihrer Bedürftigkeit wahrzunehmen und in beidem Schönheit zu sehen. Aber im Alltag sieht es anders aus. Ziele, Termine, Verpflichtungen... Schon nur die Kinder am Morgen angezogen, verpflegt und mit geputzten Zähnen rechtzeitig zur Schule zu schicken: Da «verleidet» es keine Störung! Meine Erfahrung ist, dass ich hartherziger werde, je grösser der Druck ist, unter dem ich stehe. So entzückt ich zu Beginn über die neue Jahreslosung war, so nachdenklich werde ich. Nicht selten stören Bedürfnisse von anderen meine Pläne und meine eigene Bedürftigkeit ist noch schwerer auszuhalten für mich. So sieht es aus. Ich begreife jedenfalls von Jahr zu Jahr besser, was Frère Roger, der langjährige Prior von Taizé, meinte, als er in seinem Tagebuch – sinngemäss – notierte: «Jeden Tag wieder lernen, mich stören zu lassen...». Ich fühle mit und denke: Genauso ist es. Da ist noch viel Luft nach oben, was meine Barmherzigkeit angeht.

Seit Jahrtausenden wurden Menschen von diesem Vers inspiriert. Spitäler und Waisenhäuser wurden gebaut, Suppenküchen ins Leben gerufen. Das muss es ja nicht gerade sein, denke ich. Aber so ein bisschen mehr Fehlerfreundlichkeit meinerseits und Verständnis meiner und anderer Bedürftigkeit gegenüber, das wäre nicht schlecht. Das Jahr ist ja noch lang - weglegen werde ich die Karte zur Jahreslosung jedenfalls noch eine Weile nicht. Und sonst ist da ja immer noch dieser grosse Raum mit der Kirchturmspitze, in dem die Hoffnung wohnt und der mich an die Kraft erinnert, die Unmögliches möglich machen kann.

Sie sehen – Ruhe ist immer relativ. Da hat der Vers zur Jahreswende doch einiges in Bewegung gebracht. Vielleicht auch bei Ihnen...?

Ihre Lilian Fankhauser

 

* * *

 


Ein Licht

Helmut Gollwitzer

Die Nacht wird nicht ewig dauern.
Es wird nicht finster bleiben.
Die Tage, von denen wir sagen,
sie gefallen uns nicht,
werden nicht die letzten Tage sein.
Wir schauen durch sie hindurch
vorwärts auf ein Licht,
zu dem wir jetzt schon gehören
und das uns nicht loslassen wird.

 

* * *

 


Den Engeln und Fröschen beim Lobe Gottes helfen

Lilian Fankhauser

Feuchtkaltes Wetter und Nebel. Der Kanton Bern gab seine Massnahmen gegen das Coronavirus bekannt, meine Laune rutschte in den Keller und das Wetter machte nicht den Anschein, dagegen etwas unternehmen zu können. Dass es wieder so weit kommen konnte! Es wurde Abend, es wurde Morgen und gegen Mittag schaffte es ein Sonnenstrahl tatsächlich, die Nebeldecke zu durchbrechen. Auch ich hatte mich wieder gefangen, was meine Familie einigermassen erleichtert zur Kenntnis nahm. Es war nicht nur das Virus, es war nicht nur das Wetter. Es war das ganze Paket. Dabei geht es mir persönlich ganz gut. Die üblichen Alltagssorgen einer berufstätigen Mutter halt. Aber sonst nichts zu klagen. Es sind die Nachrichten, die mich fertigmachen. Dieser egoistische, rücksichtslose Wahnsinn, der einem da tagtäglich entgegenkommt. Was ist los mit dieser meiner geliebten Welt?

Gleichzeitig tritt in diesen Tagen stärker zu Tage, was Kraft gibt. Bei mir ist es die Freundschaft, die nährt, das Lachen meiner Kinder, das gute Essen meiner Mutter, der Humor meines Mannes. Und immer wieder die Friedensbilder der Bibel. Sie sind mir wie Proviant auf einer anstrengenden Wanderung. Da werden Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet, Hungernde werden satt, Trauernde getröstet. Eine Stimme spricht: «Ich bin da». Das ist Balsam für meine Seele. Und ich merke: Gottvertrauen ist nicht in der Sicherheit zuhause, sondern in der Hoffnung. Und die lebt im Dazwischen, dort, wo etwas nicht ist, aber sein könnte. Das auszuhalten ist nicht immer einfach. Aber so ist es nun einmal.

Dorothee Sölle fasst in ihren "Zeitansagen I und II" diesen Zwiespalt in ihrer unverwechselbaren Sprache in Worte:

ZEITANSAGE I

Noch trägt unser Baum keine Früchte
Noch schieben wir Heimatlose ab
Arbeiterinnen lassen wir nicht arbeiten
Noch liefern wir den Folterern
was immer sie brauchen können
und schnüren den Ärmsten die Kehle zu
dass auch ihr Schrei uns nicht stört

Noch wartet Gott vergeblich
noch liegt unsere Zeit in den Händen der Mächtigen
sie leiten Gift in die Flüsse
Amüsantes in unseren Bildschirm
Schwermetalle in unser Essen
und Angst in unser Herz

Noch schreien wir nicht laut genug
Wie lange noch, Gott?
Wie lange willst du dir das noch ansehn
ohne ihn umzuhauen deinen Feigenbaum
Noch haben wir nicht gelernt umzukehren
Noch weinen wir selten.

Noch.

*

ZEITANSAGE II

Es kommt eine Zeit
da wird man den Sommer Gottes
kommen sehen
Die Waffenhändler machen bankrott
die Autos füllen die Schrotthalden
Und wir pflanzen jede einen Baum

Es kommt eine Zeit
da haben alle genug zu tun
und bauen die Gärten chemiefrei wieder auf
in den Arbeitsämtern wirst du
ältere Leute summen und pfeifen hören

Es kommt eine Zeit
Da werden wir viel zu lachen haben
und Gott wenig zum Weinen
die Engel spielen Klarinette
und die Frösche quaken die halbe Nacht

Und weil wir nicht wissen
wann sie beginnt
helfen wir jetzt schon
allen Engeln und Fröschen
beim Lobe Gottes.

Schön, sind wir miteinander in diesem «Dazwischen» unterwegs! Gemeinsam singt und quakt es sich einfach besser, auch im Nebel...

Ihre Lilian Fankhauser

 

* * *

 


Credo für die Erde

Dorothee Sölle

Ich glaube an Gottes gute Schöpfung: die Erde.
Sie ist heilig,
Gestern, Heute und Morgen.

Taste sie nicht an,
sie gehört nicht dir,
und keinem Konzern.
Wir besitzen sie nicht wie ein Ding,
das man kauft, benutzt und wieder wegwirft,
sie gehört einem anderen.

Was könnten wir von Gott wissen,
ohne die Erde, unsere Mutter.
Wie könnten wir von Gott reden,
ohne die Blumen, die Gott loben?
Ohne den Wind und das Wasser,
die im Rauschen von ihm erzählen?
Wie könnten wir Gott lieben,
ohne von unserer Mutter
das Hüten zu lernen und das Bewahren?

Ich glaube an Gottes gute Schöpfung.
Sie ist für alle da, nicht nur für die Reichen.
Sie ist heilig,
jedes einzelne Blatt,
das Meer und das Land,
das Licht und die Finsternis,
das Geborenwerden und das Sterben.
Alle singen das Lied der Erde.

Lasst uns nicht einen Tag leben,
und sie vergessen.
Wir wollen ihren Rhythmus bewahren,
und ihr Glück leuchten lassen,
sie beschützen vor Habsucht und Herrschsucht,
weil sie heilig ist.
Denn das Gesetz des Geistes,
der uns lebendig macht in Christus,
hat uns befreit von dem Gesetz der Resignation.
Ich glaube an Gottes gute Schöpfung: die Erde.
Sie ist heilig,
Gestern, Heute und Morgen.

 

* * *

 


Pflugscharen und Winzermesser

zu Jes 2,2-5

Keine
nationalistische
Siedlungspolitik
die den Gottesberg
für sich besetzt

Keine
fundamentalistische
Vision eines
Gottesstaates
mit Männern
in langen Bärten
an den Tischen
der Macht

Kein Recht
der Stärkeren
die Länder besetzen,
Wahlentscheide kaufen
und Andersdenkende
wegsperren

Keine
Politikerinnen die
Rüstungsgüter
wie die drei Affen
blind taub und stumm
den Unterdrückungsregimes
in die Hände drücken

Nein

Von allen Seiten
kommen wir
und brechen einander
am Wegrand
das Brot

Gemeinsam
machen wir Rast
schöpfen Kraft
aus sprudelnden Quellen
auf dem Andachtskissen
das Gesicht gegen Mekka
den Blick aufs Kreuz
ermutigt vom Licht des
Siebenarmigen Leuchters
beschwingt vom Klang der Meditationstrommel
oder auch einfach
im Namen der Liebe

Die Beschäftigten
in den Rüstungsunternehmen
finden einen neuen Job
Die Rekruten lernen
das Trösten und Verbinden
wir alle
das Teilen und Vergeben

Von allen Seiten
kommen wir
und schmieden
Schwerter zu Pflugscharen
Speere zu Winzermessern

Lilian Fankhauser

 


Öppis zum Schmunzle

Anna Hess

D Mirjam seit zur Nochbere: "Wieso hesch du so e dicke Buch?" "Do isch äbe es Bébéli drin." "Hesch du das gärn?" "Jo, das han i fescht gärn." "Wieso hesch es de gfrässe?"

Ame Bureort si afe föif Meitschi gsi. Ame Morge chunnt 's Ruthli ganz ufgregt i d'Schueuschtube z'springe: "Lehrere, Lehrere, mir hei letscht Nacht wieder es Meiteli übercho. Äs isch e Bueb."

S'Grosi het am Obe der Dani duschet, is Bett to un ihm es Müntschi gä. Du seit är: "Mues itz wieder aus versouet si."

S'Fränzi chunnt ganz usser Ote vom Chindergarte hei: "Mueti, itz bini gescklet u gsecklet." "Aber Ching, wie redsch du wüescht, eso red me nid." "Aber Mueti, wenn i nume gschprunge wär, wär i no lang nid doheim."

aus: Es Füederli Erinnerige, Huttwil 2010, 70f.

 

* * *

 


Von Wünschen und deren Erfüllung

Lilian Fankhauser

Mit Wünschen ist das so eine Sache. Sie gehen manchmal tatsächlich in Erfüllung, zuweilen einfach nicht so wie erwartet.

Letzten Dezember machte ich mit einer Freundin einen Ausflug nach Zürich. Der Termin war lange abgemacht und ich hatte mich darauf gefreut. Aber als es soweit war, hätte ich am liebsten abgesagt. Es war eine Zeit, in der ich viel zu tun hatte und mich danach sehnte, endlich wieder einmal eine Stunde allein im Wald spazieren zu gehen. Nur Bäume, ich und meine Gedanken. Aber die Zeit mit meiner Freundin war mir auch wichtig. So ging ich trotzdem. Nach Bern fuhr ich mit dem Elektrovelo, denn das letzte Postauto nach Hause würde ich verpassen. Das Velo deponierte ich in der Velostation. Ich machte das das erste Mal. Leider. Denn der Schalter war krankheitshalber nicht besetzt, und es hiess, ich solle mein Velo ruhig stehen lassen. Wunderbar. Machte ich. Nur bedeutete das, dass ich auch keinen Code erhielt. Das störte mich nicht, denn ich war der Meinung, dass die Station, wie ein Parkhaus, rund um die Uhr geöffnet hätte. Hatte sie aber nicht.

So stand ich mitten in der Nacht vor einer verschlossenen Tür, die sich nur öffnen liess mit einem Code, den ich nicht hatte. Kurzentschlossen hechtete ich auf den letzten Zug nach Schüpfen und versuchte, meinen Mann zu erreichen, damit er mich abholen könne. Aber der war nicht zu erreichen. Den Nachbarn zu wecken war ich zu stolz, zumal ich mein Malheur hätte erklären müssen. In Lyss ein Taxi zu nehmen war mir wiederum zu umständlich.

Ich ging dann zu Fuss nach Hause. Der Regen hatte kurz zuvor aufgehört, die Wolken sich verzogen. Dank der klaren Vollmondnacht liess es sich auch im Wald gut gehen. Plötzlich der Gedanke: Endlich ist es soweit: Du hast eine Stunde für dich ganz alleine. Nur du, Bäume und deine Gedanken. Ich kicherte los: Mein Wunsch wurde erfüllt! Hundemüde, aber glücklich, kam ich zu Hause an.

So ist das mit den Wünschen. Sie gehen manchmal auf unerwartete Weise in Erfüllung. Lassen wir uns überraschen!

Ihre Lilian Fankhauser

 

* * *

 


Lass dich nicht verführen 

Lass dich
nicht verführen

von deiner Angst
und denen die sie schüren

Ein Mensch
ist ein Mensch

Das Boot ist nicht voll
Jeder ist nicht nur
sich selbst der Nächste

und Zeit ist nicht nur
Geld

Früher war nicht
alles besser

und manchmal darfst du
den Tag auch vor dem Abend loben

Lilian Fankhauser

 

* * *

 


Mit ausgebreiteten Armen

Der, von dem ich erzählen will,
wurde geboren in Armut und starb,
noch jung, mit ausgebreiteten Armen
am Kreuz einen schrecklichen Tod.

Warum, worin bestand seine Schuld?
Oder anders gefragt: wem war er im Weg?
Er raubte kein Geld, kein Land, stürzte
keinen vom Thron, zog nicht in den
Krieg, schrieb nicht einmal Bücher.

Der Ort, wo er aufwuchs wie andere auch,
war ohne Bedeutung: ein Nest in den Bergen
am Rande des riesigen römischen Reiches.
Er lernte ein Handwerk, zimmerte Möbel,
bis er die Werkstatt verliess und sein Dorf

und umherzog im Land, das Wort auszusäen.

Er sah, wie man weiss, weder Rom noch Athen.
Aber er sah seinen Vater im Himmel und
sah auf der Erde die Menschen im Dunkel
und lehrte sie sehn mit anderen Augen.
Er heilte die Kranken, rief Tote ins Leben.

So zog er umher und warb um die Herzen
und sprach von der Liebe,
dem
Königreich Gottes.

Er starb, wie er lebte,
er lebte, wie er starb:
mit ausgebreiteten Armen.     

Lothar Zenetti
in: Sieben Farben hat das Licht. Worte der Zuversicht, 2006, 101.    

 

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Von der Freundschaft

Lilian Fankhauser

Erster Juli. In der Fyrabe-Chilche lade ich ein, für die kleinen Wunder im Alltag zu danken. Eine Schale mit Wasser wartet darauf, Dankes-Blumen aufzunehmen. Die Blüten, die ich schwimmen lasse, erzählen dieses Jahr von Freundschaft, diesem unbezahlbaren Geschenk: Die Karte im Briefkasten. Der Blumenstrauss vor der Tür. Das Abendessen in trauter Zweisamkeit. Saftige Kirschen, mir nach Hause gebracht. Heimat, das ist nicht nur ein Ort, das sind auch Menschen.

Manche treffe ich selten. Einmal im Jahr, zweimal vielleicht. Es tut gut nur schon zu wissen, dass sie da sind. Kleine Heimat-Filialen im Emmental, im Sensebezirk, im Oberland, im Seeland. Bei allen würde ich gut schlafen. Was ich fast nie tue, aber könnte, wenn es sein müsste.

Ihr Wohlwollen trägt mich. Irgendwann in einem Kurs zu Lösungsorientierter Gesprächsführung habe ich gelernt, dass es Narben gibt, die gegenteilige Erfahrungen brauchen, um heilen zu können. Heilsame Begegnungen gewissermassen. Manchmal, wenn ich bete: «Unser tägliches Brot gib uns heute» denke ich einen kurzen Moment lang auch an diese Seelennahrung. Liebe in Gestalt eines offenen Ohrs, eines richtigen Wortes zur rechten Zeit. Mut, eingebacken in ein frisches Brot, noch warm, als es in meine Hand wechselt.

Die Schale in der Kirche füllt sich mit Farben. Ringelblume, Jungfer im Grünen, Storchenschnabel. Eine Blume für das Gefühl der Beheimatung, wenn wir zusammen Taizélieder singen. Eine Blume für das Lachen meiner Kinder. Eine für das Schmunzeln, das du mir entlockst, und meine Hand in deiner.

Lobe Gott, meine Seele, und vergiss nicht, was Gott dir Gutes getan hat. Ich lese die uralten Worte aus dem Psalm 103 und frage mich, ob der Mensch, von dem sie stammen, dabei auch Freundinnen und Freunde vor Augen hatte? Ich auf jeden Fall.

Ihre Lilian Fankhauser

 

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Linda Rickli spielt César Franck - ihr Coronaprojekt.

 

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Ich glaube

Ich glaube, Herr,
ich hoffe, ich ärgere Dich jetzt nicht,
dass die Bibel voller Märchen ist,
voller wunderbarer Märchen,
mit denen Du uns Lebenshilfe gibst.

Ich glaube aber auch,
keine Sorge,
dass sie gefüllt ist mit historischen Zeugnissen,
die uns davor bewahren,
Dich nur als sehnsüchtige Einbildung zu sehen.

Ich glaube mit so vielen anderen,
dass die Bibel so etwas ist
wie ein Handbuch von Dir.

Keine Gebrauchsanweisung,
mehr ein farbiger Bilderbogen
Deiner Gegenwart in jeder Zeit.

Und Kraftquelle, um das Eigene
zu finden.
Das standhält vor mir
und vor Dir.
Amen

Stefan Wahl

in: Ungehobelte Gebete, Echter Verlag, 2016, 89.

 

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Fruchtbarer Boden

zu Mt 13,3-9

Fruchtbarer Boden
möchte ich sein
bereit
dein Wort
des Friedens
und der Versöhnung
zu hören
ihm Raum zu geben
es wachsen zu lassen
Frucht zu bringen

Die Kraft dazu
die Ruhe
das Vertrauen
und den Mut
hilf mir jeden Tag
neu zu finden
Gott
Hüter meiner Seele
Schöpferin Liebe

Amen

Lilian Fankhauser

 

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Gnad

Lilian Fankhauser

I ha ir Letschti e Witerbildig bsuecht. Es isch um psychotheraputischi Wärchzüg ir Seelsorg gange. E ganzi Zilete vo Aregige han i mit hei gno. Ei Satz isch mir bsundrigs bliebe hange – e Satz vor Patrizia. Merci gäll, Patrizia! U vo däm Satz wotti öich verzelle.

Mir heis vo Maske im Zug gha, u dervo, was es i üs uslöst, wenn öpper keini anne het. Oder se nume so halbpatzig treit. Oder di ganzi Zugfahrt über amene Kafi nippelet wie ds Bébé am Schoppe, u derby d Maske so lässig a eim Ohr laht la abe bambele.

I weiss nid, wies öich geit. Mi uf jede Fall machts hässig. I dänke: Du chasch dir nume leischte, di so egoistisch z verhalte, will mir angeri üs ad Regle halte. Mir schütze di mit üsere Maske u du fingsch no, du sigisch der Coolscht, we de dergäge rebelliersch.

Natürlich dänkeni das nid nume im Zug u wäg dere Maske. I ha mi scho ir Schuel ufgregt, we angeri gschwänzt hei u ig ir Physikstung bim soziopathische Lehrer ha chönne der Chopf häreha. Es macht mi gäng hässig, wenn i ds Gfüehl ha, i machi d Sach u angeri tüegi plöischle.

Ja, da lahni öich grad töif i imini Seel ineluege, i weiss. Aber es dient amene guete Zwäck. I wottnech ja vo däm Satz vor Patrizia verzelle, wo mir so es Liecht het lah ufgah. I bi nämlich i dere Diskussion gedanklich grad i däm Ärgergfüehl inne gsi u ha mi no meh als über die rücksichtslose Maskeverweigerer über dä Ärger sälber gärgeret. Chönnt i mir das doch la glych si!

Da seit d Patrizia zu däm Maskeverweigerigsärger: Das isch Gnad.

I ha se mir grosse Ouge agluegt.

Du reinszeniersch dis Grundthema, wo du us der Chindheit mitnimmsch. U du reinszeniersch es, bis du e gägeteiligi emotionali Erfahrig machsch. Du reinszeniersch dis Muschter i dire Familie, bir Arbeit, im Yoga, ja, sogar i dim Gloube. I der Regu empfingsch du das als müehsam. Du wärtisch di Gfüehl, wo denn ufe chöme als schlächt: Tuur, Wuet, Ärger, Ohnmacht, Hilflosigkeit si nid agnähmi Gfüehl.

Aber: Das isch Gnad.

Jedesmal, we du ds Gfüehl hesch: Jitz passiert mir das scho wieder!, de hesch du d Chance, dass es dasmal angers wird. Dass du dasmal chlei öppis angers chasch dänke, angers mache, angers erläbe. Du wirdisch dis Thema wiederhole, bis du glehrt hesch – erläbt hesch! –, dass es o angers geit. Dini Seel suecht e Lösig für dis Problem. U si bringt di i die Situatione, bis sich dert öppis cha löse, bis du meh u meh use fingsch us dim Muschter.

Das isch Gnad.

I däm Sinn isch im Momänt i üsne ÖV viel Gnad z finge, hani dänkt. U müesse lache. Aber es hett mi berüehrt. U i wott ds nächschte Mal mi Ärger frage, was är mir eigentlich wott säge. Glägeheit derzue hani ja im Momänt mängi – u dir ja viellicht o...

Öii Lilian Fankhauser

 

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2-fel

Kurt Marti

aus mir
dem einen
machen zweifel
2

gäbs dreifel
würdens
gar noch
3

doch ohne
2- und 3-fel
wärs erst recht
vom teufel

 

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Geheimnis
des Glaubens

zu Lk 24,13-35

Auferstanden
in unser Leben

gehst du an unserer Seite
begegnest uns im Fremden

berührst unser Herz
wo wir es nicht vermuten

zeigst dich
wo aus dem Ich ein Wir

brichst Brot
durch unsere Hände

Lilian Fankhauser

 

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Mitverantwortlich

Sonntagsgedanken

Lilian Fankhauser

Heute gibt es einen steilen Einstieg: Es geht ums Geld. Das Coronavirus und die Folgen des Umgangs damit steigern die Not vieler Menschen weltweit. Die Summen, die wir zu deren Eindämmung investieren, sind immens. Wieder einmal zeigt sich, wenn wir in die Welt hinausschauen: Der Wohlstandsmensch hat Anspruch auf umfassende Versorgung. Der andere Mensch, derjenige, der nicht das Glück einer wohlumsorgten Herkunft hat, hat das Nachsehen. Die ethischen Fragen, die das aufwirft, lasten schwer, nicht erst seit heute. Aber das Coronavirus führt uns dieses Dilemma in seiner ganzen Hässlichkeit wieder einmal vor Augen. Und Gott? Wo ist Gott in all dem? Oder anders gefragt: Warum lässt Gott das zu?

Ein Blick in die Bibel: Die zweite, aber ältere der beiden Schöpfungsphantasien am Anfang der Bibel (Gen 2) erzählt davon, dass Gott den Menschen in den Erdengarten stellt und ihn beauftragt, diesen zu behüten und zu bewahren. Wer hat hier nun versagt? Der Mensch, der seinem Auftrag nicht gerecht wird, oder die Gottheit, die den Garten nicht gut angelegt hat? Oder gleich beide?

Seit Tausenden von Jahren versucht die jüdisch-christliche Theologie zu klären, wer für das Übel in der Welt verantwortlich ist. Keiner der Antwortversuche überzeugt mich: Eine Gottheit, die als unberührbare Macht über allem regiert und uns wie Marionetten nach ihrem Willen tanzen lässt? Eine Gottheit, die Menschen – Kinder! –  absichtlich leiden lässt, um sie zu erziehen? Zu denken aufhören, weil Gott ja doch nicht verstehbar ist? Die atheistische Antwort wählen und sagen: Etwas Göttliches gibts nicht?

Lieber halte ich mich an die biblische Schöpfungsvorstellung einer göttlichen Kraft, die hilft, dem Weltenchaos immer wieder lebenswerten Raum abzuringen. Eine göttliche Kraft, die das Gute will und den Menschen einlädt, an diesem Guten mit zu arbeiten.

Ich glaube an eine Macht Gottes. Aber es ist die Macht der Liebe. Und Liebe zwingt nicht. Sie lädt ein. Sie lädt ein, in die Fussstapfen des grossen Bruders aus Nazareth und vielen anderen zu treten, die den eigenen Bauchnabel nicht zum Mittelpunkt der Welt machen, sondern in ihrem Fühlen, Denken und Handeln Platz schaffen für andere. Womit wir übrigens auch wieder beim Geld wären, erarbeitet von vielen Händen, das unser Gemeinwesen nun einsetzt, um auf die Wirtschaftskrise zu reagieren. Wie das Wetter hört auch die Welt und damit die Not nicht an der Schweizergrenze auf. Denken wir beim Einkaufen, Wählen und Abstimmen daran. Mit dem Finger auf Gott zeigen nützt nichts. Wir sind mitverantwortlich.

Möge Gott uns bei unseren Entscheiden, unserem Tun und Handeln helfen.

Amen

Ihre Lilian Fankhauser
 


Nur bei Anwendung

Gisbert Kranz

Ein Seifenfabrikant sagte einem Priester: «Das Christentum hat nichts erreicht. Obwohl es schon bald zweitausend Jahre gepredigt wird, ist die Welt nicht besser geworden. Es gibt immer noch Böses und böse Menschen.»

Der Priester wies auf ein ungewöhnlich schmutziges Kind, das am Strassenrand im Dreck spielte und bemerkte: «Seife hat nichts erreicht. Es gibt immer noch Schmutz und schmutzige Menschen in der Welt.»

«Seife», entgegnete der Fabrikant, «nutzt nur, wenn sie angewendet wird.»

Der Priester antwortete: «Christentum auch.»

 

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Die Stimme hinter den Stimmen

Sonntagsgedanken

Lilian Fankhauser

«Geh hinaus in den Wald und schreibe auf, welche Geräusche du hörst!», so einer der Aufträge, die meine Mädchen für den Fernunterricht von der Lehrerin erhielten. Also streiften wir durch den Wald und meine Töchter notierten fleissig das Laubrascheln unter den Füssen, den Kuckuck oben in den Blättern und das Rauschen der Baumkronen.

Eine Wohltat, zwischendurch etwas anderes zu hören als «Kurzarbeit», «Social Distancing» oder «Schutzmaskenmangel». Vom Wort mit dem Anfangsbuchstaben «C» gar nicht zu reden. So viele Verlautbarungen. So viele Meinungen. Und alle wissen es besser. Wie schön, einmal einfach nur einen Vogel zwitschern zu hören. Der verteidigt mit seinem Zwitschern zwar auch nur handfeste Interessen, aber in meinem Gehirn löst es trotzdem heitere Sonntagmorgenstimmung aus. Und die kann ich gerade sehr gut gebrauchen in dieser unruhigen Zeit.

Töne wurden viele gemacht in den letzten Wochen.  Auf welche höre ich? Was ist das, was in all diesen Krisen-Worten mich angeht? Was sollen meine Ohren hören, was mein Verhalten beeinflussen? Ich komme mir vor wie der Prophet Elia, der in seiner Erschöpfung Gottes Nähe sucht. Er wartet auf dem Berg auf die göttliche Stimme. Da beginnt es zu donnern und blitzen, es stürmt und tost, aber erst im «Säuseln» kommt Gott und spricht zu Elia. Das Waldesrauschen erinnert mich an ihn und daran, dass es nicht selten die leisen Töne sind, die mich etwas angehen. Ich sehne mich danach, in dieser lauten Zeit die eine Stimme hinter den Stimmen zu hören. Diejenige, die Frieden wachsen lässt, mich nährt, mich stärkt, etwas knospen lässt in mir.

Gott sagt: Wenn ihr mich von ganzem Herzen sucht, werde ich mich von euch finden lassen. (Jer 29,13f) Das tönt doch ermutigend! Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie in all den Worten in diesen Tagen etwas hören, das Ihnen Frieden bringt. Dass Ihr Ohr die Botschaft vernimmt, die für Sie bestimmt ist.

Gott segne Sie
mit Ohren, die das Wesentliche hören,
mit Augen, die das Gute sehen
und mit Händen, die das Nötige tun.
Amen

Ihre Lilian Fankhauser

 

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Spiegelbild

Aus: Oh! Noch mehr Geschichten für andere Zeiten, Hamburg 2010, 20.

Es gab in Indien einen Tempel mit tausend Spiegeln. Er lag hoch oben auf einem Berg, und sein Anblick war gewaltig. Eines Tages kam ein Hund in diesen Tempel. Als er in den Saal der tausend Spiegel kam, sah er tausend Hunde. Er bekam Angst, sträubte das Nackenfell, klemmte den Schwanz zwischen die Beine, knurrte furchtbar und fletschte die Zähne. Und tausend Hunde sträubten das Nackenfell, klemmten die Schwänze zwischen die Beine, knurrten furchtbar und fletschten die Zähne. Voller Panik rannte der Hund davon und glaubte von nun an, dass die ganze Welt aus knurrenden, gefährlichen und bedrohlichen Hunden bestehe.
Einige Zeit später kam ein anderer Hund. Auch er betrat den Tempel. Als er in den Saal kam, sah auch er tausend andere Hunde. Er aber freute sich. Er wedelte mit dem Schwanz, sprang fröhlich hin und her und forderte die Hunde zum Spielen auf. Und er sah tausend Hunde, die ihm schwanzwedelnd entgegen sprangen. Dieser Hund verliess den Tempel mit der Überzeugung, dass die ganze Welt aus netten, freundlichen Hunden bestehe, die ihm wohlgesonnen sind.

 

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Den Segen suchen

Sonntagsgedanken

Lilian Fankhauser

«Oh nein, was für ein Bild!» Das war mein erster Gedanke, als mir vor 27 Jahren mein Konfirmationsbild überreicht wurde, ein Holzschnitt von Felix Hoffmann. Es zeigt Jakobs Kampf am Fluss Jabbok. Und es gefällt mir auch heute noch nicht sonderlich. Aber jetzt, da ich es aus Anlass der diesjährigen Goldenen Konfirmation vom Estrich hole, wird mir bewusst, dass es trotzdem Früchte getragen hat. Die Geschichte von Jakobs Kampf gehört zu meinen liebsten biblischen Erzählungen. Seit Jahren kehre ich immer wieder zu dieser Verwandlungsgeschichte zurück. Dass ich sie in meinem Unterweisungsjahr das erste Mal gehört hatte, wusste ich gar nicht mehr. Wenn Sie einen Moment Zeit haben, erzähle ich Ihnen gerne, was mich an ihr fasziniert.

Jakobs Geschichte

Jakob ist nach langen Jahren in der Fremde auf dem Weg in seine alte Heimat. Er wird dort seinem Bruder Esau begegnen, den er viele Jahre zuvor mit einem Linsengericht um seinen Erstgeburtssegen betrogen hat. Bräuchte er nicht neue Weideplätze für sein Vieh, würde er nicht zurückkehren. Schliesslich hat er sich damals im Streit von Esau getrennt. Familie, Bedienstete, Tiere, Hab und Gut bringt er über die gefährliche Furt des Flusses Jabbok. Dann geht er alleine noch einmal zurück auf die andere Flussseite. Ist es die Angst vor dem ungewissen Ausgang der Begegnung mit seinem Bruder, die ihn zurücktreibt? Sucht er Ruhe, um Klarheit zu gewinnen, wie er sich verhalten will? Will er sich vor seinem Bruder verstecken, falls dieser in der Nacht das Lager überfallen sollte? Wir wissen es nicht. Die Geschichte schweigt sich darüber aus. Klar ist: Jakob bleibt allein zurück. «Da rang einer mit ihm, bis die Morgenröte heraufzog. Und er sah, dass er ihn nicht bezwingen konnte, und berührte sein Hüftgelenk, so dass sich das Hüftgelenk Jakobs ausrenkte, als er mit ihm rang. Und jener sprach: Lass mich los, denn die Morgenröte ist heraufgezogen. Jakob aber sprach: Ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich.» (1. Mose 32, 25-27) Daraufhin segnet jener seltsame, namenlose Kämpfer Jakob und gibt ihm einen neuen Namen.

Diese Geschichte ist verdichtete Lebens- und Gotteserfahrung. Da kämpft einer – mit sich selbst, seiner Geschichte, dem Weg, der vor ihm liegt. Und er hört nicht auf zu ringen, bis er als Gesegneter weitergehen kann. Der Flussdämon uralter Sagen, der motivgeschichtlich hinter jenem Kämpfer stehen mag, entpuppt sich im Laufe des Ringens als göttliche Segenskraft. Tags darauf wird Jakob seinem Bruder entgegenziehen, und dieser wird ihn mit offenen Armen empfangen. Der Kampf wird zum Moment der Verwandlung. Aus Nacht wird Tag, aus Streit Versöhnung, aus Angst Vertrauen.

Segen ist nicht, was uns passiert, sondern mit welchen Augen wir das Geschehene betrachten. In einem Buch der Ärztin Rachel Naomi Remen, als Teenager an Morbus Crohn erkrankt, fand ich vor Jahren eine wunderbare Erzählung, die sich auf Jakobs Kampf am Jabbok bezieht. Sie schreibt in ihrem Buch «Aus Liebe zum Leben», wie ihr jüdischer Grossvater ihr diese Geschichte als Kind erzählte:

«Die Geschichte gab mir Rätsel auf. Wie konnte jemand einen Engel mit einem Feind verwechseln? Aber Grossvater meinte, so etwas komme ständig vor. ‘Aber davon mal abgesehen’, sagte er, ‘das ist nicht der wichtigste Teil der Geschichte. Der wichtigste Teil der Geschichte ist, dass alles, was geschieht, seinen Segen hat.’

In dem Jahr bevor er starb, erzählte mir mein Grossvater diese Geschichte mehrere Male. Acht oder neun Jahre später, mitten in der Nacht, manifestierte sich die Krankheit, mit der ich nunmehr seit mehr als fünfundvierzig Jahren lebe, auf äusserst dramatische Weise. Ich hatte eine massive innere Blutung. Es hatte keinerlei Vorwarnung gegeben. Ich fiel in ein Koma und lag mehrere Monate im Krankenhaus. Die Dunkelheit und der Kampf dauerten danach noch etliche Jahre an.

Zurückblickend habe ich mich oft gefragt, ob mein Grossvater, in hohem Alter und dem Tod nahe, mir diese Geschichte nicht als Richtlinie für mein Leben hinterlassen hat. Es ist eine rätselhafte Geschichte, eine Geschichte über die Natur von Segnungen und die Natur von Feinden. Wie gross ist die Versuchung, den Feind loszulassen und zu flüchten – den Kampf so schnell wie möglich hinter sich zu bringen und mit dem gewohnten Leben weiterzumachen. So könnte das Leben viel leichter sein, aber auch weniger echt. Vielleicht liegt die Weisheit der Geschichte darin, dass wir uns dem Leben, das uns gegeben ist, so rückhaltlos und mutig wie nur möglich stellen sollten – und nicht loslassen, bevor wir den noch unbekannten Segen finden, der allen Dingen innewohnt.»

Den Segen suchen, der allen Dingen innewohnt – daran erinnert mich mein Konfirmationsbild. Wie hat Ihre Konfirmation Früchte getragen, wie Ihr Konfirmationsspruch in den vergangenen Jahren zu ihnen gesprochen? Ich wünsche Ihnen, dass Ihr Gottvertrauen Ihnen hilft, Ihren Herausforderungen mutig entgegen zu gehen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie den Segen finden, der in Ihren Kämpfen verborgen liegt. Und ich wünsche Ihnen heute einen guten, Herz erfreuenden Tag!

Ihre Lilian Fankhauser

 

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